Opas Gedanken über 1.500 Liter Heizöl, 2.700 Euro und die politische Erkenntnis, dass eine warme Wohnung offenbar langsam zum Luxusgut wird.
Ich habe dieser Tage wieder etwas für die Wirtschaft getan.
Nein, ich habe mir kein neues Auto gekauft. Ich war nicht auf Kreuzfahrt und habe auch keine Photovoltaikanlage samt Wärmepumpe, Batteriespeicher und staatlich geprüftem guten Gewissen bestellt.
Ich habe Heizöl gekauft.
1.500 Liter. 2.700 Euro.
Damit dürfte mein persönlicher Beitrag zur Rettung des Staatshaushalts für diesen Monat eigentlich erledigt sein.
Zumindest fühlt es sich so an.
Natürlich weiß ich, dass die Welt kompliziert ist. Energiepreise sind kompliziert. Steuern sind kompliziert. Abgaben sind kompliziert. CO₂ ist kompliziert. Und wenn Politiker erklären, warum etwas so teuer geworden ist, wird es meistens noch komplizierter.
Nur meine Rechnung ist erstaunlich einfach.
Da steht unten:
2.700 Euro.
Dafür bekomme ich keine neue Heizung. Keine neuen Fenster. Keine Dämmung. Und auch keinen dieser schicken Heizkörper, bei denen man nicht weiß, ob sie das Badezimmer wärmen oder im Museum hängen sollten.
Ich bekomme 1.500 Liter Heizöl.
Das wird verbrannt.
Dann ist das Öl weg.
Und die 2.700 Euro auch.
Politisch nennt man so etwas wahrscheinlich Transformation.
Opa nennt es: Winter.
Früher sagte meine Mutter:
„Mach die Tür zu! Wir heizen doch nicht für draußen!“
Damals dachte ich, das sei einer jener Standardsätze, die eine Mutter automatisch beherrscht, sobald das erste Kind geboren wird.
Heute mache ich die Tür freiwillig zu.
Schnell.
Sehr schnell.
Bei den heutigen Preisen überlege ich inzwischen sogar, ob ich Besucher noch hereinlassen soll. Schließlich entweicht bei jedem Öffnen der Haustür warme Luft.
Vielleicht sollte ich neben der Klingel einen Münzeinwurf montieren.
Eintritt: 2 Euro.
Bei längerem Türöffnen: 3 Euro.
Jacke bitte anbehalten.
Natürlich könnte ich die Heizung herunterdrehen.
Diesen Ratschlag hört man schließlich immer wieder. Ein Grad weniger spart Energie. Zwei Grad weniger sparen noch mehr. Bei fünf Grad weniger kann man sich von der Ersparnis vermutlich eine schöne Wolldecke kaufen.
Und bei zehn Grad weniger braucht man irgendwann gar keine Heizung mehr.
Dann braucht man nur noch einen guten Hausarzt.
Dabei verlange ich wirklich nicht viel.
Ich sitze im Januar nicht bei 27 Grad in Badehose im Wohnzimmer. Hinter meinem Sofa wachsen keine Bananenstauden, und im Keller betreibe ich auch kein beheiztes Schwimmbad.
Ich möchte es einfach warm haben.
So richtig altmodisch warm.
Eine Temperatur, bei der man morgens ins Wohnzimmer gehen kann, ohne dass der Kaffee hauptsächlich dazu dient, die Finger aufzutauen.
Offenbar entwickelt sich das langsam zu einem gehobenen Lebensstandard.
Andere gönnen sich im Alter eine Kreuzfahrt.
Opa gönnt sich 20 Grad im Wohnzimmer.
Und dafür gehen ungefähr zweieinhalb Monatsrenten drauf.
Diesen Satz muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen:
Zweieinhalb Monatsrenten für eine warme Stube.
Natürlich bezahle ich von meiner Rente normalerweise noch ein paar andere Kleinigkeiten.
Essen zum Beispiel.
Strom.
Wasser.
Versicherungen.
Auto.
Telefon.
Und gelegentlich leiste ich mir sogar den geradezu dekadenten Luxus, etwas zu kaufen, das mir Freude macht.
Aber jetzt steht erst einmal der Winter im Keller.
1.500 Liter davon.
Für 2.700 Euro.
Vielleicht sollte ich jeden Morgen hinuntergehen und meinen Tank begrüßen.
„Guten Morgen, ihr Kleinen. Geht es euch gut? Opa hat lange für euch gearbeitet.“
Ich könnte den Heizölstand auch täglich fotografieren.
Andere Menschen fotografieren ihre Goldbarren.
Ich fotografiere meinen Öltank.
Wobei Gold einen entscheidenden Vorteil hat: Es wird nicht jeden Abend weniger, nur weil man keine kalten Füße haben möchte.
Und genau an dieser Stelle hört die Geschichte langsam auf, lustig zu sein.
Denn ich kann diese Rechnung bezahlen.
Ich fluche darüber. Ich ärgere mich. Und wahrscheinlich werde ich bei jedem Anspringen des Brenners kurz überlegen, wie viele Euro gerade durch die Düse rauschen.
Aber ich kann bezahlen.
Andere Rentner können es vielleicht nicht.
Und dann wird aus dem gut gemeinten Ratschlag, noch einen Pullover anzuziehen, plötzlich eine ziemlich beschissene Frage:
Wie kalt darf meine Wohnung werden, damit mein Geld bis zum Monatsende reicht?
Und genau da, liebe Politik, dürft ihr ruhig einmal zuhören.
Ihr redet über Entlastungen, soziale Gerechtigkeit, bezahlbare Energie und ein würdiges Leben im Alter. Ihr beschließt Programme, Pakete und Maßnahmen, deren Namen manchmal länger sind als der Betrag, der am Ende beim Bürger ankommt.
Auf meinem Küchentisch liegt derweil etwas wesentlich Verständlicheres:
1.500 Liter Heizöl.
2.700 Euro.
Keine Theorie.
Keine Statistik.
Keine Hochrechnung.
Eine Rechnung.
Vielleicht wäre es gar nicht schlecht, wenn man in den Parlamenten gelegentlich weniger darüber diskutieren würde, wie sich das Leben der Menschen theoretisch anfühlen müsste – und dafür öfter Rechnungen von echten Küchentischen anschauen würde.
Denn wer sein Leben lang gearbeitet hat, sollte im Alter nicht ausrechnen müssen, wie viele Stunden am Tag er sich Wärme leisten kann.
Keine Sauna.
Keine 25 Grad.
Keine beheizte Einfahrt.
Eine warme Stube.
Vielleicht bin ich altmodisch.
Aber ich halte das nicht für Luxus.
Und deshalb hätte Opa zum Schluss nur eine kleine Frage an die Politik:
Seit wann ist Nichtfrieren ein Wohlstandsproblem?
So.
Und jetzt entschuldigt mich.
Meine Heizung ist gerade angesprungen.
Ich muss in den Keller.
Nachsehen, ob sie wenigstens freundlich winkt, während sie meine Rente verbrennt.
Euer Opa
