Es gibt Entscheidungen im Leben, deren Tragweite man erst erkennt, wenn es zu spät ist.
„Ich könnte meine Geschichten ins Internet stellen“, gehört eindeutig dazu.
Der Gedanke war harmlos. Fast schon romantisch.
Ein paar Geschichten für die Enkel. Ein paar Gedanken für die Erwachsenen. Vielleicht liest es jemand. Vielleicht sogar freiwillig. Eine schöne kleine Internetseite dazu – fertig.
So stellte Opa sich das vor.
Opa war naiv.
Denn bevor heutzutage ein Mensch eine Geschichte lesen darf, muss offenbar erst eine internationale Konferenz aus WordPress, Google, Facebook und diversen anderen Instanzen darüber entscheiden, ob diese Geschichte überhaupt existieren darf.
Es begann mit dem Namen.
Erzählwelten.
Schön, dachte Opa.
Das Internet dachte anders.
Dort heißt Erzählwelten nämlich:
xn--erzhlwelten-n8a.de
Opa betrachtete diese Buchstabenfolge eine Weile.
Vielleicht hatte er versehentlich keinen Geschichtenblog gegründet, sondern einen russischen Spionagesatelliten angemeldet.
Also versuchte Opa, dem Internet zu erklären, dass seine Seite Erzählwelten heißt.
Mit Ä.
Ein Fehler.
Kurze Zeit später erklärte der Browser:
„Diese Seite funktioniert nicht.“
Das Internet hatte gewonnen.
Also bekam das Ä wieder seinen Tarnnamen und Opa durfte zurück auf seine eigene Webseite.
Damit hätte die Sache erledigt sein können.
War sie natürlich nicht.
Denn Opa wollte seine neue Seite bei Facebook zeigen.
Früher hätte man jemandem einfach gesagt:
„Schau mal, ich habe etwas geschrieben.“
Heute braucht man dafür ein OpenGraph-Vorschaubild.
Opa wusste bis heute nicht, dass ihm im Leben ein OpenGraph-Vorschaubild gefehlt hatte. Jahrzehntelang war er erstaunlicherweise ohne ausgekommen.
Also bekam Erzählwelten eines.
Facebook zeigte es sogar an.
Ein kurzer Moment des Glücks.
Dann stellte sich heraus, dass darunter stand:
Start – xn--erzhlwelten-n8a.de
Das klang wieder verdächtig nach Raumfahrt.
Also kam Rank Math ins Spiel.
Rank Math erklärte Opa zunächst, seine Webseite sei ungefähr so suchmaschinenfreundlich wie ein handgeschriebener Zettel, den man nachts im Wald unter einen Stein legt.
22 von 100 Punkten.
Opa war gekränkt.
Er hatte schließlich Geschichten geschrieben und keine Mathematikprüfung abgelegt.
Dann wollte Rank Math ein Fokus-Schlüsselwort.
„Erzählwelten“, sagte Opa.
Rank Math war begeistert.
Plötzlich waren es 76 Punkte.
Opa hatte an seinen Geschichten nichts geändert.
Aber offenbar war er innerhalb weniger Sekunden vom digitalen Dorftrottel zum beinahe anerkannten Internetfachmann aufgestiegen.
Und irgendwann – nach Umlauten, Weiterleitungsschleifen, OpenGraph, Meta-Beschreibungen, Fokus-Schlüsselwörtern und mehrmaligem „Erneut scrapen“ – erschien bei Facebook tatsächlich:
Erzählwelten – Geschichten, die bleiben.
Mit Bild.
Mit richtigem Titel.
Und sogar mit Ä.
Opa betrachtete das Ergebnis zufrieden.
Dann dachte er kurz darüber nach, was er eigentlich ursprünglich machen wollte.
Ach ja.
Geschichten schreiben.
Vielleicht macht er das morgen wieder.
Heute hat er schließlich erfolgreich ein Ä ins Internet gebracht.
Und für einen einzigen Tag ist das vollkommen genug.
