Silvester.
Silvester ist die einzige Nacht im Jahr,
in der selbst sonst halbwegs vernĂŒnftige Menschen kollektiv beschlieĂen,
dass LĂ€rm = Freiheit
und RĂŒcksicht = SpaĂbremse ist.
Man nennt das âFeiernâ.
Ich nenne es akustischen Egoismus mit Farbfunktion.
đ Die Nacht: Demokratie im Ausnahmezustand
Punkt Mitternacht wird aus Nachbarschaft Kriegsgebiet.
Explosionen, Detonationen, Dauerfeuer.
Nicht aus Freude â aus Gewohnheit.
Der Hund zittert.
Die Wildtiere rennen blind vor Angst.
Vögel fallen tot vom Himmel,
Rehe brechen panisch durch ZĂ€une,
Hasen sterben, ohne zu wissen, warum.
Aber keine Sorge:
Es war ja legal.
đ„ Verantwortung? Heute leider ausverkauft.
Jedes Jahr dasselbe Schauspiel:
âMan darf ja wohl nochâŠâ
âIst doch nur einmal im JahrâŠâ
âDie Tiere gewöhnen sich schonâŠâ
Nein.
Tun sie nicht.
Sie sterben.
Aber Hauptsache, der Mensch hatte
drei Sekunden Dopamin
und ein verwackeltes Handyvideo,
das er nie wieder anschaut.
đ§ Gesellschaftliche Erkenntnis Nr. 1
Wir leben in einer Gesellschaft,
in der Empathie endet,
sobald sie unbequem wird.
Man spendet fĂŒrs Tierheim.
Man postet âLove Natureâ.
Man unterschreibt Online-Petitionen.
Und dann?
ZĂŒndet man Raketen
ĂŒber genau der Natur,
die man angeblich liebt.
âïž Der Morgen danach: Heuchelei bei Tageslicht
Neujahr.
Stille.
Sonne.
Ich gehe spazieren.
Mit meiner Frau.
Mit dem Hund.
Die Welt ist schön.
Wie immer â ohne uns.
Der Boden ist ĂŒbersĂ€t mit MĂŒll,
Plastik, Pappe, verbrannten Ăberresten
dessen, was gestern noch âSpaĂâ hieĂ.
Und plötzlich wird klar:
Das Problem war nie der LĂ€rm.
Das Problem war die Haltung.
đ§š Gesellschaftliche Erkenntnis Nr. 2
Silvester ist kein Fest.
Es ist ein Spiegel.
Er zeigt:
- wie wenig RĂŒcksicht wir aushalten
- wie laut Ignoranz werden darf
- wie billig Leben ist, wenn es nicht unser eigenes ist
Und wie schnell Freiheit mit Verantwortung verwechselt wird.
đ Fazit eines wachen, sehr wachen Opa
Ich habe nichts gegen Feiern.
Ich habe etwas gegen Feiern auf Kosten anderer.
Ein neues Jahr braucht keinen Knall.
Es braucht Einsicht.
Respekt.
Und vielleicht endlich den Mut zu sagen:
đ Nicht alles, was Tradition ist, ist noch zeitgemĂ€Ă.
đ Nicht alles, was erlaubt ist, ist richtig.
đ Und nicht alles, was laut ist, hat recht.
Aber was weiĂ ich schon.
Ich bin nur Opa.
Der war wach.
Die Tiere waren es auch.
Manche davon zum letzten Mal.
đ„
